Mittwoch, 12. April 2023

Hölle!


Welcome to Hell … ’s Museum

sagte die Dame am Empfangstresen des Höllenmuseums in Singapur und obwohl ich ja repetitive Phrasen aus meinem eigenen Broterwerb leidvoll kenne, war ich trotzdem spontan neidisch und dachte: Boah, das würde ich auch gern mal zu jedem Gast sagen, der das Haus betritt, in dem ich mich als Kartenkontrolleuse verdingt habe. Das hätte ich nie über, glaube ich.

Mein Besuch in dem großartigen Museum zu „Visions of Death and the Afterlife“ hatte neben touristischer Vergnügungssucht auch Recherchegründe: Tobias Reckermann hat – zum letzten Mal, wie er hartnäckig behauptet, ich hoffe aber inständig, dass er seine Meinung noch ändern wird – zu einem Anthologieprojekt für seinen White/Nighttrain aufgerufen. „Hellbound“ lautet das Thema.




Also nichts wie hinein zu den zehn Gerichtshöfe der Hölle, in dem anhand von Dioramen der bürokratischen Seite des Nachlebens gehuldigt wird. Welche Strafe auf welches Vergehen steht wird äußerst plastisch dargestellt, die zuständigen Gerichtshöfe folgen einem strikten Zeitplan.


Sieben Tage nach dem Ableben ihres ehemaligen Besitzers landet die arme Seele vor König Qinguang und dem ersten Gerichtshof. Hier entscheidet sich, ob es (nur für virtuos souls!) über die Goldene Brücke geht, oder ob im Falle irdischer Sünden der Weg zu den weiteren Gerichtshöfen beschritten werden muss. Man ahnt vermutlich, wie die Sache hier ausgeht.


Am Spieß geröstet zu werden, ist übrigens eine der leichteren Bestrafungen. Zweiter Gerichtshof, 14 Tage nach dem Tod, Vergehen: Körperverletzung, Betrug, Raub, Korruption, Diebstahl, Glücksspiel, Prostitution.

21 Tage nach dem Ableben, dritter Gerichtshof, König Songdi, Vergehen: Undank, mangelnder Respekt gegenüber Älteren, Flucht aus dem Gefängnis, Drogensucht, Grabräubertum, Strafe: Aufschlitzen des Brustkorbs und Entnahme des Herzens.



Ein Jahr nach dem Tod hält hier König Dushi das neunte Gericht. Vergehen: z.B. Mord, Strafe: Kopf und Arme werden abgetrennt.


Bewacht wird der Eingang des Tunnels von zwei überlebensgroßen Figuren mit menschlichen Körpern, auf denen einmal ein Ochsenkopf und einmal ein Pferdegesicht sitzen. Diese beiden Kreaturen haben es mir besonders angetan und sind Bestandteil der Geschichte, an der ich gerade schreibe. „Rosemary’s Scabies“ lautet der Arbeitstitel. Seit längerer Zeit macht mir das Arbeiten richtig Spaß, vermutlich vor allem deshalb, weil es mir diesmal endlich wieder vergleichsweise leicht von der Hand geht.





Das Hell’s Museum befindet sich übrigens auf dem Gelände der Haw Par Villa, einem weitläufigen Gelände, auf dem es die unglaublichsten, extrem verrückten und skurrilen Figuren und Dioramen zu bestaunen gibt. Es seiner Einzigartigkeit gerecht werdend beschreiben zu wollen, bedürfte größeren erzählerischen Talents als meinem. Ihr müsst also selbst mal hin, wenn ihr in der Nähe seid. Das müsst ihr mir versprechen! Abgemacht?

Nicht mal die Mitarbeiterin des Museums konnte weiterhelfen, worum es sich hierbei handelt. Und genau das macht den Zauber von vielen Dioramen auf dem Gelände der Haw Par Villa aus. Die Kaninchen sind vermutlich die Bösen und die Ratten verfügen über ein gutes Sanitäswesen. Was es bedeutet? Entscheidet selbst.

So, ich schreibe jetzt mal weiter an meiner Rosemary – habe seit Tagen einen Ohrwurm von Hubert Kah, Tanz bitte tanze tanze tanze mit mir, Rosemarie, duhu nur du, gern geschehen, den teile ich gern mit euch – und wenn es so weit ist und der White/Nighttrain sein (hoffentlich nicht!!!) letztes Druckerzeugnis herausbringt, sage ich natürlich Bescheid.

Dienstag, 9. August 2022

Zwei Todesengel ...

... im Urlaub. Stadt, Land, Strand.


Im Gegensatz zu mir ist "Der Todesengel" in diesem Sommer ein bisschen rumgekommen. Der August beschert mir gleich zwei Rezensionen. Stadtluft und Sommerfrische. Wow. Das freut mich natürlich sehr.


 Foto von Lennox Lethe

Lennox Lethe ist Autor und bloggt über Bücher. Zum Glück.

Mehr von Lennox? https://lennoxlethe.de/

Und in Südfrankreich am Strand hat sich Bücherbums-Blogger Matthias Heße des Todesengels angenommen. Guckt mal:


Direkt zur Rezension? Hier!


Samstag, 25. Juni 2022

E.T.A., I.N.A., I.N.G.E. & B.O.R.G.

 Zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann



Es wird ja gerne mal von der „Ironie des Schicksals“ gesprochen oder, um es mit Depeche Mode zu sagen, dass Gott einen „sick sense of humor“ hat. Da könnte was dran sein. Warum sonst trifft verstorbene Autor*innen mit schöner Regelmäßigkeit der Fluch, dass genau jene Orte, an welchen ihnen besonders übel mitgespielt wurde oder die ihnen verhasst waren, es sich hartnäckig zur Aufgabe machen, ihr Andenken in besonderer Weise zu wahren, hochzuhalten, und, ja, auch medienwirksam oder monetär auszuschlachten? Während ich diese Zeilen schreibe, findet der alljährliche Wettbewerb „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt statt, vereinfacht Bachmann-Preis genannt. Oder auch „das Wacken des Literaturbetriebs“ wie ich gerade bei Twitter las. Es beinhaltet durchaus einiges an maliziösem Humor, dieses öffentliche Lesen und genüssliche Aburteilen und Hinrichten von Autor*innen ausgerechnet nach Ingeborg Bachmann benannt zu haben, die ja bekanntlich beim Lesen vor der Gruppe 47 mit brüchiger Stimme diversen Ohnmachten nahe war. Und die zu ihrer Kärntner Heimatstadt absolut kein gutes Verhältnis hatte. Ähnlich erging es dem heute vor 200 Jahren verstorbenen E.T.A. Hoffmann mit Bamberg, in dem er seine wohl qualvollsten Jahre verbrachte und von wo aus man ihn mit Schimpf und Schande verjagte: E.T.A. Hoffmann-Haus, E.T.A. Hoffmann-Theater, E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und sogar ein zum Jubiläum gebrautes E.T.A. Hoffmann-Bier. „Mahrs Bräu E.T.A., Dunkles Lager.“ Dunkel, in der Tat. Finster. Armer E.T.A., der du Bier nachweislich als das „geistloseste Getränk der Welt“ erachtet hast! Wein, Punsch und Sekt, das waren deine hochgeschätzten alkoholischen Sünden. Der Legende nach geht ja sogar die Bezeichnung „Sekt“ für Schaumwein auf eine Begebenheit mit dir und dem Schauspieler Mattausch im Berliner „Lutter & Wegner“ zurück. Aber Schaumschwamm drüber. Wer tot ist, kann sich nicht mehr wehren. Und ähnlich wie der Umstand, dass Geschichte von den Siegern erzählt wird, entscheidet bei Autor*innen posthum die Allgemeinheit darüber, ob und wie es um den Nachruhm bestellt ist. E.T.A. Hoffmann hatte man in Deutschland nach seinem Tod über achtzig Jahre lang quasi vergessen, während seine Werke in anderen Ländern, etwa in Frankreich, als Übersetzungen sehr erfolgreich und einflussreich waren. Hierzulande musste schon jemand wie Thomas Mann Bewunderung für Hoffmann aussprechen, bevor sich Interesse regte. Und auch das … mal ehrlich: Gespenster-Hoffmann bleibt Gespenster-Hoffmann, oder? Das ungeliebte Schmuddelkind des deutschsprachigen Literaturkanons bis heute. Aber ich schweife ab. ‘Tschuldigung. Ich werde immer so emotional bei Hoffmann. Bin halt ein Fangirl. Anlässlich des 200. Todestages wurde ich hin und wieder gefragt, was mir an Hoffmann so gut gefällt. Das Rauschhafte und Mäandernde. Das Fabulieren, bis die Schwarte kracht. Der Schalk im Nacken. Stimmt alles. Aber da ist noch etwas: Hoffmanns Liebe galt, zumindest soweit ich es verstehe, zuvörderst der Musik. Kapellmeister, Komponist, das wollte er sein. Eine einseitige Liebe. Eine, die nie erwidert wurde. Da mochte er seinen dritten Vornamen Wilhelm in Amadeus ändern, die Schicksalsgöttinnen kicherten boshaft bei jeder seiner gigantischen Anstrengungen, die schlussendlich alle ins Leere führten. Ich stelle mir vor, wie Hoffmann im Gegensatz zu seinen bleischweren musikalischen Misserfolgen beim Schreiben wie im Superflow loslassen konnte. Er schrieb schnell und fantastisch, schoss aus der Hüfte und traf immer. Mir gefällt das. Nicht aus Mitleid mit dem ewigen Pechvogel, sondern weil es zeigt, wie wenig dran ist an diesem ganzen Motivationsgeschwätz, dass jede*r ein gestecktes Ziel erreichen kann, wenn er/sie es nur fest genug versucht. Das stimmt nämlich nicht. Manchmal hat das Leben anderes mit uns vor. Das, was wir uns am meisten wünschen, bleibt unerfüllt, anderes fliegt uns einfach durch die Hintertür zu, ohne dass wir uns bemühen müssen. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke sagt mir zu. Weil er bedeutet, dass nichts festgeschrieben steht, dass Wege verschlungen sind und sich Glück an absonderlichen Orten einstellen kann. Das von mir gescholtene dummbienenstockartige „Kollektiv“, das posthum mit Autor*innen macht, was es will, ist ja zum Glück für den/die einzelne*n egal. Jede*r, also auch ich, darf sich ein Bild vom hochgeschätzten Idol machen und im Herzen tragen. Gut, gell? Ich musste das bloß ein bisschen überbetonen, weil sonst die Borg in „E.T.A., I.N.A., I.N.G.E. & B.O.R.G“ gefehlt hätten. In diesem Sinne: Resistance is futile. Lest E.T.A. Hoffmann! In diesem Jahr oder in einem anderen der 200 folgenden.

Dienstag, 7. Juni 2022

Eine Party für E.T.A. Hoffmann...

 ... und mich. Mit dem Ensemble des Schlosstheater Moers. Und mir. Andreas Giesbert war da und hat für den Lovecrafter darüber geschrieben. Hach, schön war's!


Nochmal auf der Seite der Lovecraft-Gesellschaft nachlesen? Hier geht's zum Lovecrafter


Mittwoch, 27. April 2022

Neuauflage

 "Die Zeit der Feuerernte"


2020 erschien der Novellenband unter Herausgeberschaft von Tobias Reckermann als Privatdruck bei Whitetrain und war bald darauf vergriffen. Schön also, dass er nun noch einmal im Blitz-Verlag zu neuem Leben erweckt wird.



Mein Beitrag heißt "Der Kaschelott". Ebenfalls in Weltenrissen unterwegs sind meine Schriftstellerkollegen Erik R. Andara, Christian Veit Eschenfelder, Tobias Reckermann und Felix Woitkowski. Guckt gern mal:

Donnerstag, 31. März 2022

Das zweite Phantastikum

 Post von Creepy Creatures


Hurra, Post! Sie brachte mein Belegexemplar des zweiten Phantasikums (Herausgeber: Florian Jung), das mittels Crowdfunding als Privatdruck bei Creepy Creatures Reviews erschienen ist.


Hier zusehen ist die Taschenbuchausgabe. Es gibt noch opulentere Ausgaben, die erworben werden konnten. Das Buch hat ein ungewöhnliches Format und ist außergewöhnlich gut gemacht.


Eventuell ziehe ich mich nun vom Schreiben zurück, denn ich bin in einem Buch mit Walter Moers. Der Wahnsinn! Was sollte jetzt noch kommen? Mein Autorinnenherz ist jedenfalls glücklich.


Mein Beitrag mit einer hinreißenden Illustration von Saya Sorokina.